Flächengerechtigkeit

Ein fai­rer und aus­ge­wo­ge­ner Umgang mit den begrenz­ten Räu­men, die wir im Stra­ßen­ver­kehr haben – dar­um geht es beim The­ma Flä­chen­ge­rech­tig­keit. Hier wird danach gefragt, wem wie viel Platz zur Ver­fü­gung steht – zum Bei­spiel Autos, Fahr­rä­dern, Fußgänger*innen etc. – und ob die­se Ver­tei­lung den tat­säch­li­chen Bedürf­nis­sen der All­ge­mein­heit ent­spricht. Eine gerech­te Ver­tei­lung erle­ben wir der­zeit lei­der (noch) nicht. Pkw neh­men antei­lig sehr viel mehr Flä­che ein als ange­mes­sen wäre …

Gehwegparken in Paderborn

Es ist ein typi­sches Bild in den meis­ten Stra­ßen: Pkw, die halb auf dem Geh­weg, halb auf der Stra­ße ste­hen. Dabei ist das Geh­weg­par­ken an vie­len Stel­len gar nicht (durch ein Schild oder Mar­kie­run­gen auf dem Bür­ger­steig) erlaubt – es wird aber von den meis­ten Kom­mu­nen gedul­det. Haupt­sa­che die Autos haben genug Platz, um durch­zu­kom­men. Fuß­gän­ge­rin­nen und Fuß­gän­ger, Men­schen, die auf Rol­la­to­ren oder Roll­stüh­le ange­wie­sen sind, oder auch Per­so­nen mit Kin­der­wa­gen zie­hen dafür dann oft den Kür­ze­ren. Da schrumpft der Platz auf dem Geh­weg ganz schnell auf unter 1 m und man muss auf die Stra­ße aus­wei­chen. Gera­de für Men­schen, die mobi­li­täts­ein­ge­schränkt sind, stellt dies aber ein gro­ßes Pro­blem – und auch eine erheb­li­che Gefahr – dar.

Der Öko­lo­gi­sche Ver­kehrs­club Deutsch­land (VCD) hat dazu Ende letz­ten Jah­res die Mit­mach-Akti­on Freie Geh­we­ge gestar­tet, bei dem die Men­schen bun­des­weit Pro­blem­stel­len mel­den konn­ten. Mehr als 3.300 Abschnit­te wur­den gemel­det. 

Und wie sieht es in Pader­born aus?

Im Kreis Pader­born wur­den ins­ge­samt 18 Stel­len aus­ge­wer­tet – vie­le davon in der Süd­stadt. Dass die Park­si­tua­ti­on sich hier schwie­rig gestal­tet, wird für vie­le – gera­de Anwoh­ner – kei­ne Über­ra­schung sein.

Im Rah­men einer Bege­hung vor Ort sind dem VCD Pader­born beson­ders die Lud­wig- und Alde­rich­stra­ße auf­ge­fal­len. Auf bei­den Stra­ßen gibt es weder ein Schild, wel­ches das Geh­weg­par­ken erlau­ben wür­de, noch Kenn­zeich­nun­gen hier­für auf dem Bür­ger­steig. Beson­ders auf der Lud­wig­stra­ße ste­hen die par­ken­den Pkw weit auf dem Bür­ger­steig, um den fah­ren­den Autos auf der Stra­ße die Durch­fahrt zu ermög­li­chen – zum Leid­we­sen der Fußgänger*innen und rad­fah­ren­der Kin­der bis acht Jah­ren, die auf dem Bür­ger­steig fah­ren dür­fen.

Und auf der Alde­rich­stra­ße: Hier gibt es eigent­lich eine offen­sicht­li­che Lösung für das Pro­blem. Die Stra­ße ist so breit, dass Pkw pro­blem­los durch­fah­ren kön­nen, und vie­le Anwoh­nen­de haben einen eige­nen Stell­platz – trotz­dem wird beid­sei­tig auf den Geh­we­gen geparkt. Der Lösungs­vor­schlag des VCD Pader­born: Anstatt, dass auf bei­den Sei­ten halb auf dem Geh­weg und halb auf der Stra­ße geparkt wird, könn­ten Pkw auch ein­sei­tig auf der Fahr­bahn par­ken. Damit wäre der Bür­ger­steig wie­der Fuß­gän­gern, Kin­der­wä­gen, Roll­stüh­len etc. ver­nünf­tig zugäng­lich und die Stra­ße bie­tet aus­rei­chend Platz für die Autos.

Eine wei­te­re Stel­le, die auf­fiel und gemel­det wor­den war: die Ame­lun­gen­stra­ße. Auch hier gibt es weder ein Schild noch Kenn­zeich­nun­gen auf dem Geh­weg, die ein Geh­weg­par­ken offi­zi­ell erlau­ben wür­den. Im Gegen­satz zur Lud­wig- und Alde­rich­stra­ße ist der ver­blei­ben­de Weg auf dem Geh­weg zwar brei­ter, doch erlaubt ist es dadurch trotz­dem nicht.

Die Ame­lun­gen­stra­ße ergänzt das Pro­blem somit sehr “schön”: Der Fokus liegt auf den Pkw – ob par­kend oder fah­rend. Die Autos sol­len wei­ter­hin pro­blem­los über­all durch­kom­men, doch das pas­siert an vie­len Stel­len – und die Süd­stadt ist hier vie­ler­orts ein “gutes” Bei­spiel – zum Nach­teil von Fußgänger*innen, Fahr­rad­fah­ren­den im Alter von bis zu acht Jah­ren, Kin­der­wä­gen sowie Men­schen, die auf Roll­stüh­le, Rol­la­to­ren oder Ähn­li­ches ange­wie­sen sind.

Wir müs­sen unse­ren Fokus end­lich vom Auto weg­be­we­gen. Als Men­schen auf der Stra­ße saßen, war die Empö­rung groß – dort fah­ren schließ­lich Autos. War­um soll­te es dann okay sein, wenn Autos auf dem Geh­weg ste­hen? Der gehört den Fußgänger*innen.

Jede*r soll­te das Recht haben, ein Leben, ohne ein eige­nes Auto füh­ren zu kön­nen.
Kat­ja Diehl
Spie­gel-Best­sel­ler­au­torin “#Auto­kor­rek­tur”

Unsere Veranstaltung mit Katja Diehl – 2023

Unter ande­rem die­sem Pro­blem hat sich die Autorin in ihrem Buch #Auto­kor­rek­tur gewid­met.  Sie selbst beschreibt ihr Idee auf ihrer Sei­te wie folgt: Die Visi­on mei­ner #Auto­kor­rek­tur ist eine kin­der­freund­li­che, bar­rie­re­ar­me und ent­schleu­nig­te Stadt. Sie hat sich den Stadt­raum, den sie zuvor kos­ten­los oder viel zu bil­lig an gepark­tes Blech ver­ge­ben hat, zurück­er­obert.

Bei unse­rer Ver­an­stal­tung im Pader­bor­ner Deelen­haus betont sie: „Das Auto ist ja kein Teil unse­res Kör­pers. Auch wenn man­che so tun, als wenn es so wäre.“ Auf­grund der vor­an­schrei­ten­den Auto­zen­trie­rung wer­de in unse­rer Gesell­schaft aber oft­mals der Ein­druck erweckt, es gin­ge gar nicht ohne. „Die rege Dis­kus­si­on hat gezeigt, dass sich vie­le Pader­bor­ne­rin­nen und Pader­bor­ner mehr siche­re und beque­me Rad­we­ge zum Ein- und Aus­pen­deln nach PB wün­schen, die nicht im Nir­wa­na enden. Die nicht enden wol­len­de Dis­kus­si­on über den Ver­kehrs­ver­such an der Det­mol­der Stra­ße mute dage­gen klein­lich an“, so Mode­ra­to­rin und unse­re Geschäfts­füh­re­rin Kers­tin Haar­mann. Den Teil­neh­men­den ist eben­falls mehr Platz fürs Rad und für Fußgänger*innen in der Innen­stadt wich­tig – auch auf Kos­ten der Park­plät­ze und Fahr­strei­fen. Pader­born ste­he, laut Kers­tin Haar­mann, erst ganz am Anfang der Ver­kehrs­wen­de.

Wichtig zu wissen

Modal Split und war­um es rele­vant ist für eine gerech­te Flä­chen­ver­tei­lung

Der Modal Split ist eine sta­tis­ti­sche und pro­zen­tua­le Berech­nung. Er zeigt auf, wie sich Wege auf ver­schie­de­ne Ver­kehrs­mit­tel ver­tei­len – wie viel Pro­zent der Wege wer­den mit dem Auto, wie viel mit dem Fahr­rad, zu Fuß etc. zurück­ge­legt. Rele­vant ist der Modal Split dann, um die Ver­kehrs­pla­nung effi­zi­en­ter zu steu­ern. Wenn in einer Gemein­de bei­spiels­wei­se 50 % der Men­schen ihre täg­li­chen Wege mit dem Fahr­rad zurück­le­gen und nur 10 % mit dem Auto, muss sich die­se Ver­tei­lung auch in der Infra­struk­tur wider­spie­geln. Das bedeu­tet etwa den Aus­bau bestehen­der Rad­we­ge, brei­te­re Fahr­rad­spu­ren oder die Ein­rich­tung von Fahr­rad­stra­ßen. Ent­schei­dend ist dabei, dass ent­spre­chen­de Infra­struk­tur nicht nur vor­han­den ist, son­dern von Anfang an in der Pla­nung berück­sich­tigt wird. Denn seit sei­ner Ein­füh­rung steht der Pkw im Mit­tel­punkt der Ver­kehrs­pla­nung – und so sind auch die meis­ten Städ­te bis heu­te struk­tu­riert. Wo es nur weni­ge oder gar kei­ne Rad­we­ge gibt oder das Rad­fah­ren als unsi­cher wahr­ge­nom­men wird, grei­fen die meis­ten Men­schen zwangs­läu­fig auf das Auto zurück. Ent­spre­chend hoch fällt dort auch des­sen Anteil am Ver­kehrs­auf­kom­men aus.